
Spiel mit dem Feuer
Kann ich mit Ihnen heute einmal in Ruhe über Risiken bei Geldanlagen sprechen? Mir ist bewusst, dass das Thema heikel ist, weil Risiken für die meisten von Ihnen der Vorhof der Hölle sind. Arbeit, Ehe und Leben enthalten Risiken. Sie können arbeitslos werden, Ihr attraktiver Partner kann sich aus dem Staub machen, und Sie können krank werden. Genauso können Sie aber auch Karriere machen, in 25 Jahren immer noch verliebt sein wie am ersten Tag, und Sie können vor Gesundheit strotzen. Ich weiß nicht, ob Ihnen bewusst ist, dass Risiko, ganz neutral ausgedrückt, nichts anderes als die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine bestimmte Erwartung erfüllt wird. Sollte Ihnen das nicht klar sein, so kann ich nur hoffen, dass sich das bald ändert, weil nirgendwo mehr „erwartet“ wird als beim Geld.
Spekulation
Das beste Beispiel sind Aktien und Immobilien. Sie brauchen keine Sorge zu haben, dass ich Sie jetzt zum fünfundneunzigsten Mal vor der Gefahr warnen werde, beim Einkauf oder Verkauf schöner Backsteine auf die Nase zu fallen. Statt dessen will ich – mal eben schnell, wenn Sie gestatten – die These aufstellen, dass Sie gar nicht der solide Anleger sind, für den Sie sich so gerne halten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind Sie, soviel Provokation sei erlaubt, ein veritabler Spekulant, der sich nur wenig von dem Spieler unterscheidet, der im Casino am Roulette-Tisch sitzt. Ahnen Sie jetzt, was Risiko ist? Sie haben die Erwartung, dass die Kugel auf die 13 fällt. Das Ereignis kann eintreten, es kann jedoch auch anders kommen, und alles ist letzten Endes eine Frage der Wahrscheinlichkeit!
Immobilie
Übertragen wir das Beispiel auf eine Immobilie. Sie haben 500.000 Euro geerbt und wollen, wer möchte das nicht, das Geld „sicher“ anlegen. Deshalb sind Sie auch bereit, die Erbschaft um einen „Kleinkredit“ von 1,7 Millionen Euro aufzustocken und die Summe von 2,2 Millionen Euro in ein Mehrfamilienhaus zu stecken, das 15 Jahre vermietet wird. Das Haus kostet 2.000.000 Euro, die Nebenkosten liegen bei 200.000 Euro. Warum in aller Welt wollen Sie das machen? Was würden Sie zu Protokoll geben, wenn ich Sie bitten würde, mir nicht zu erzählen, wie „super“ das Haus und wie „toll“ der Kreditzins sind, sondern in einem Besinnungsaufsatz darzulegen, was Sie von diesem ganzen Deal eigentlich erwarten. Das wäre doch ganz schön fies – oder nicht?
Erwartungen
Jetzt aber Butter bei die Fische, liebe Schuldenmacher! Was erwarten Sie von Ihrem künftigen Dasein als Landlord? Wie soll sich zum Beispiel die Miete künftig entwickeln? Soll der Wert des Hauses fallen, gleich bleiben oder steigen? Soll die Hypothek in 15 Jahren getilgt sein? Wie hoch soll die Rendite der Anlage sein? Mir ist bewusst, dass diese Fragen ätzend sind, und mir ist egal, ob Sie von dem Recht, die Aussage verweigern zu dürfen, Gebrauch machen oder nicht. Es geht um Ihr und nicht um mein Erbe! Vielleicht helfen Ihnen ja folgende Formulierungshilfen. Das Haus kostet 2.000.000 Euro. Die monatliche Anfangsmiete von 5.500 Euro soll jedes Jahr um 1,5 Prozent steigen. Der Wert des Hauses soll in anderthalb Jahrzehnten bei 30 Jahresmieten liegen. Der Kredit kostet 4 Prozent pro Jahr soll und soll in 15 Jahren vom Tisch sein. Die Rendite nach Steuern soll mindestens 3,5 Prozent nach Steuern betragen.
Rentabilität
Schauen wir uns den Zahlungsplan an. Sie legen für das Haus effektiv 500.000 Euro auf den Tisch. Die weiteren Zuzahlungen bewegen sich zwischen 6.000 und 7.500 Euro pro Monat. Die anfänglichen Steuervorteile sind kaum der Rede wert; ab 2034 wird der Fiskus sogar Abgaben von Ihnen forrdern. Der Endwert soll bei 2.466.000 Euro liegen. Das führt bei einem jährlichen Einkommen von 250.000 Euro nach Steuern zu einer Rendite von 3,93 Prozent pro Jahr. Damit scheint, so sieht es zumindest auf den ersten Blick aus, alles im grünen Bereich zu sein. Nun kommt freilich die Frage aller Fragen. Wie hoch ist das Risiko, dass die Sache klappt und die Rendite über 4 Prozent beträgt? 35 Prozent? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auf Sand bauen, dass die Verzinsung nur 1 oder 2 Prozent beträgt? 25 Prozent? Bitte überlegen Sie genau, was Sie nun sagen. Ws kann alles gegen Sie verwendet werden. Falls Sie glauben, die Wahrscheinlichkeit, dass Sie die 4 Prozent-Hürde meistern, liege bei 95 Prozent, sollten Sie auf Hellseher umschulen, und wenn Sie der Meinung sein, die Hoffnung werde zu 45 Prozent in Erfüllung gehen, erinnert mich das an die Einschätzung junger Männer, die von sich behaupten: Ich bin 33 Jahre alt, werde in drei Jahren ein tolle Frau heiraten, in fünf Jahren stolzer Vater eines Buben mit blauen Augen und in zehn Jahren alleiniger Chef von Porsche sein.
Selbstüberschätzung
Im Grunde wissen alle Anleger, dass sie nichts wissen. Nur wollen sie das beim Geld nicht wahrhaben, und bei Immobilien scheint mir der Anteil der Gaukler und Bänkelsänger besonders hoch zu sein. Ich kann mir diese Selbstüberschätzung nur mit der Intransparenz von Immobilienwerten erklären. Die Kurse deutscher Aktien werden, dem Anleger sei’s geklagt, jeden Abend vor der Tagesschau im Fernsehen präsentiert. Wer aber geht schon einmal im Monat zum Sachverständigen, legt jedes Mal brav 1.000 Euro auf den Tisch und bittet um sachdienliche Hinweise, wie hoch der aktuelle Wert seiner Immobilie in Kyritz an der Knatter ist?
Klumpenrisiko
Ich habe wirklich nichts gegen Immobilien, auch wenn mir das viele von Ihnen nicht so recht glauben, doch ich finde den Mut, dass erbende Bedenkenträger insgesamt 2,2 Millionen Euro auf eine Karte zu setzen, und das Vertrauen, das sei eine sichere und werthaltige Anlage, putzig und fahrlässig zugleich. Gilt das auch für die Finanzierung der Latifundie? Ich habe Bedenken. Wenn der Mut vorhanden ist, siebenstellige Kreditbeträge in eine Immobilie zu stecken, dann fehlt in vielen Fällen die Zuversicht, für diese Verbindlichkeiten nur Zinsen zu bezahlen und die monatlichen Tilgungsraten in 999 Aktien zu investieren. Das ist doch merkwürdig – oder?
Perspektiven
Überall wird mir erzählt, die Zinsen seien so niedrig, dass man „unbedingt“ Immobilien kaufen müsse. Warum keine Aktien? Weshalb keine Flugzeuge? Wieso keine Schiffe? Sie sind doch genauso sicher wie Immobilien, oder nicht? Wenn die 1,7 Millionen Euro mit Hilfe von 999 Aktien getilgt werden, die in den nächsten 15 Jahren jeweils 5 Prozent bringen, könnten die Kreditkosten um 105.000 Euro gesenkt senken. Besser noch: Dafür wäre gar keine Immobilie nötig, sondern Sie dürfen das Geld auf 999 Aktien verteilen. Bitte denken Sie jetzt nicht an das negative, sondern an das positive Risiko! Die Aktien können einen Endwert von 2.500.000 Euro erreichen. Das ist natürlich auch bei der Immobilie möglich, aber mit welchem Risiko? Wo ist die Wahrscheinlichkeit größer, lieber Zocker, woher wissen Sie, dass Sie die Rechnung aufgehen wird?